Es gibt eine Suchanfrage, die ständig gestellt wird: Passwort-Ideen. Das ist verständlich, denn das Formular wartet, irgendetwas muss man sich ausdenken, und erklärt hat es einem nie jemand.
Das Problem ist, dass das Wort Ideen schon der Fehler ist. Ein gutes Passwort ist keine gute Idee. Es ist ein Passwort, hinter dem überhaupt keine Idee steckt.
Das ist kein hübscher Einstiegssatz. So funktioniert ein Angriff buchstäblich.
Die Liste der Einfälle, die dir kommen, ist die Liste, die er zuerst probiert
Ein Wörterbuchangriff beginnt nicht bei aaaaaaaa und zählt hoch. Er beginnt bei
den Passwörtern, die millionenfach geleakt sind, geht weiter mit Vornamen,
Substantiven, Städten, Fußballvereinen und vierstelligen Jahreszahlen. Und auf
diese Basis legt er Regeln: Großbuchstabe vorn, Ziffer oder ! hinten, a zu
@, e zu 3, o zu 0, das Wort rückwärts, das Wort zweimal.
Diese Regeln sind weder geheim noch neu. Sie stehen seit Jahrzehnten aufgeschrieben und sind in jedem Angriffswerkzeug ab Werk dabei. Anders gesagt: Der Katalog an Einfällen, den du „Passwort-Ideen“ nennen würdest, ist, mehr oder weniger in dieser Reihenfolge, die Konfigurationsdatei dessen, der dich angreift.
Ab hier stammen alle Zahlen aus dem Checker dieses Hauses, der einen Offline-Angriff mit 10¹² Versuchen pro Sekunde gegen einen schnellen Hash annimmt. Diese Annahme steht unter dem Ergebnis, und ohne sie bedeutet keine Zeitangabe irgendetwas. Du kannst jede Zahl selbst nachvollziehen: Beispiel eintippen und hinsehen.
Idee eins: dein Name und dein Geburtsjahr
Andrea1985. Zehn Zeichen, ein Großbuchstabe, vier Ziffern. Damit ist erfüllt,
was das halbe Internet verlangt.
Der Checker zerlegt es auf einen Blick in zwei Teile: „Es steht in unseren
Wörterbüchern“ für Andrea, „Sieht aus wie eine Jahreszahl oder ein Datum“
für 1985. Ergebnis: 24.000 Versuche, in diesem Tempo also weniger als eine
Sekunde.
Und achte darauf, warum es 24.000 sind und keine astronomische Zahl. Es liegt nicht an der Länge. Es sind eben nicht zehn Entscheidungen, sondern zwei: welcher Name und welches Jahr. Häufige Vornamen zählt man in Tausenden; die Jahreszahlen, die Menschen tatsächlich in ein Passwort schreiben, in Dutzenden. Multipliziert, fertig: Du hast zehn Zeichen getippt und aus weniger als fünfundzwanzigtausend möglichen Passwörtern gewählt.
Idee zwei: das „a“ durch einen Klammeraffen ersetzen
Das ist der Trick, an den alle glauben, und der am schlechtesten altert.
@ndre@1985 ergibt 24.000 Versuche. Nicht ungefähr gleich viel — exakt
dieselbe Zahl wie vorher. Die Ersetzung bringt hier buchstäblich null, weil
sie kein neues Passwort erzeugt hat: Sie hat eine Ja-Nein-Frage hinzugefügt, die
der Angreifer längst eingeplant hatte, nämlich ob diese Person das a ersetzt
hat oder nicht.
Sieh genau hin: Der Checker ändert nicht einmal sein Urteil. Er sagt weiter „Es steht in unseren Wörterbüchern“, diesmal mit dem Zusatz mit Ziffern statt Buchstaben. Er hat das Wort trotzdem gefunden.
Wenn du sehen willst, wie weit das geht, probier das kanonische Beispiel.
P@ssw0rd, mit Großbuchstabe, Klammeraffe, Null und dem ganzen Anschein, gut
durchdacht zu sein, fällt in 17 Versuchen. Siebzehn. Das zählt man mit den
Fingern beider Hände und ein bisschen Geduld.
Idee drei: es rückwärts schreiben
aerdna1985 ergibt 24.000 Versuche. Dieselbe Zahl, bis zur letzten Stelle,
wie Andrea1985.
Es ist nicht so, dass Umdrehen wenig hilft. Es ändert schlicht gar nichts. Das Wort umzudrehen gehört zu den Regeln, die das Wörterbuch ab Werk mitbringt: Der Checker findet es genauso und etikettiert es genauso, diesmal mit dem Zusatz rückwärts geschrieben.
Dasselbe beim Verdoppeln: AndreaAndrea sinkt auf 283 Versuche — doppelt so
viele Buchstaben tippen lässt dich schlechter dastehen als vorher, weil „Es
wiederholt einen Teil“ ebenfalls ein Muster mit eigenem Namen ist.
Idee vier: mit den Fingern über die Tastatur laufen
Wer nicht nachdenken will, schaut auf die Tastatur und fährt eine Form ab. Heraus
kommt qwerty123, oder 1qaz2wsx, oder 1q2w3e4r, oder asdfghjkl.
Es fühlt sich zufällig an, weil es nichts bedeutet. Aber eine Tastatur hat eine feste und sehr kleine Geometrie, und sie abzufahren ist genau das, was ein Programm besser kann als du:
qwerty123→ 273 Versuche.1qaz2wsx→ 29 Versuche.
Neunundzwanzig. Diese Passwörter sind so abgegriffen, dass die Tastaturregeln gar nicht mehr nötig sind: Sie stehen wortwörtlich in den Listen geleakter Passwörter, und der Checker weist sie mit einem knappen „Es steht in unseren Wörterbüchern“ ab.
Idee fünf: der Hund, und das Datum, das man nie vergisst
Toby2015! ist ein Passwort mit Biografie: der Name des Hundes, das Jahr seines
Einzugs und ein Ausrufezeichen, damit das Formular zufrieden ist. Es ergibt
1,2 × 10⁸ Versuche — und das sind immer noch weniger als eine Sekunde.
Die häufigsten Tiernamen zählt man in einigen Tausend, und sie stehen in denselben
Listen wie die Personennamen. Das ! am Ende bringt so viel, wie eine Regel
bringt, die alle anwenden: nichts.
Beim besonderen Datum wird es noch unangenehmer. 24121985 — ein Tag, ein Monat,
ein Jahr — liest sich wie acht Ziffern, aber der Checker etikettiert es „Enthält
ein Datum“ und erledigt es in 14.966 Versuchen. Der Grund steht im Kalender:
Es gibt 31 Tage, 12 Monate und ein gutes Jahrhundert plausibler Jahreszahlen.
Acht Ziffern, die nach zehn Millionen Kombinationen aussehen, sind in Wahrheit
etwa fünfzehntausend.
Das ist die Falle beim Datum: Es gibt dir Länge, ohne dir Ungewissheit zu geben — und bezahlt wird nur Ungewissheit.
Idee sechs: das Kennzeichen, und was der Checker nicht sehen kann
4521KDR ist ein anderer Fall und lohnt einen Halt.
Hier sagt der Checker „Wir haben kein bekanntes Muster gefunden“ und rechnet 3,9 × 10¹⁰ Versuche aus. Aber er markiert diese Zahl als Obergrenze, und genau dieses Wort ist der Punkt: Er hat dein Muster nicht gefunden, was nicht beweist, dass du keines hast. Selbst so, großzügig gerechnet, bleibt die Zeit bei weniger als einer Sekunde.
Und da liegt die Lücke, die man verstehen muss. Der Checker weiß nicht, welches Auto du fährst. Wer dich kennt, wer dein Instagram vor sich hat oder wer einen Datensatz gekauft hat, in dem dein Kennzeichen steht, braucht keine 3,9 × 10¹⁰ Versuche: Er braucht einen. Die Zahl, die du siehst, wenn es kein Muster gibt, misst die Unwissenheit eines Fremden — nicht die von jemandem, der nach dir gesucht hat.
Dasselbe gilt für die Hausnummer, die Ausweisnummer, die Telefonnummer und das Hochzeitsdatum.
Was alle sechs gemeinsam haben
Keine dieser Ideen scheitert daran, „zu wenig komplex“ zu sein. Alle scheitern am selben: Sie sind Autobiografie, und Autobiografie lässt sich erraten. Dein Name, dein Jahr, dein Hund, dein Auto, deine Art, die Tastatur abzufahren. Jede dieser Entscheidungen fühlt sich persönlich an, und genau deshalb gehört sie zu einer kurzen Liste, die jemand längst aufgeschrieben hat.
Komplexität hilft nicht, denn die Komplexität, die du anwendest, ist ebenfalls
eine Entscheidung von dir und steht ebenfalls auf der Liste. Deshalb gewinnt
@ndre@1985 gar nichts und aerdna1985 auch nicht.
Wenn du das Argument in Zahlen willst, steht es bei den Entropie-Bits: Es zählt nicht, wie viele Passwörter du hättest schreiben können, sondern wie viele übrig bleiben, wenn man alles abzieht, was man über deinen Geschmack weiß.
Der Ausweg ist keine bessere Idee, sondern gar keine
Der einzige Weg von dieser Liste herunter ist, dass das Passwort nicht aus deinem Kopf kommt.
Genau das macht Diceware: Du wirfst fünf Würfel, schlägst die Zahl in einer Liste mit 7.776 Wörtern nach und schreibst auf, was herauskommt. Jeder Wurf ist 12,9 Bit wert, und es sind echte 12,9, denn Würfel haben keinen Geschmack, kein Gedächtnis und kennen dein Geburtsjahr nicht. Sechs Wörter ergeben rund 77 Bit.
Gib so etwas in den Checker ein und sieh, was sich ändert: Sechs gewöhnliche, erwürfelte Wörter springen von „Sehr Schwach“ auf „Sehr Stark“, und die Zeit wird nicht mehr in Sekunden gemessen. Nicht weil sie verschroben wären — sind sie nicht, es sind sechs normale Wörter — sondern weil es der einzige Teil deines Passworts ist, den nicht du entschieden hast. Wenn dir lieber ist, dass der Browser für dich würfelt, macht der Generator dieselbe Ziehung und zeigt dir die Bits dabei an.
Die ehrliche Antwort auf „gib mir Passwort-Ideen“ lautet also: Du brauchst keine, und du hast sogar zu viele. Was dir fehlt, ist ein Würfel.
Quellen: Sämtliche Zahlen dieses Artikels stammen aus dem Checker von password.es, der sein Modell unter dem Ergebnis angibt — 10¹² Versuche pro Sekunde, Offline-Angriff, schneller Hash — und sind reproduzierbar, indem man jedes Beispiel unter /de/passwort-checker/ eintippt · die Mustererkennung ist zxcvbn von Daniel Lowe Wheeler (Dropbox), vorgestellt auf der USENIX Security 2016 als „zxcvbn: Low-Budget Password Strength Estimation“ · die zitierten Ersetzungs-, Umkehr- und Wiederholungsregeln sind die, die Wörterbuchangriffs-Werkzeuge ab Werk mitbringen · Arnold G. Reinhold, „The Diceware Passphrase Home Page“ (1995), für die 7.776 Wörter und die 12,9 Bit pro Wurf.
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